Aus dem Archiv der ExtraTip Mediengruppe
vom 17.07.2009Zwischen Fahrspaß & Lebensende
Region. Detlef Ückert ist der Spaß am Motorradfahren anzusehen. Auch er legt sich am Edersee gern mal in die Kurve und dreht auf gerader Strecke am Gashahn. Aber der Polizeihauptkommissar (PHK) weiß auch um die Risiken einer der schönsten, beliebtesten und gefährlichsten Motorrad-Strecken Deutschlands. Und er weiß, wann und wo Zurückhaltung angebracht ist.
Für uns schwang sich der Spezialist vom Regionalen Verkehrsdienst Waldeck-Frankenberg auf seine Dienst-BMW K75 RT – privat fährt er die S-Version – und zeigte die reizvollsten wie auch die halsbrecherischsten Stellen der L3086. Für allzu draufgängerische Biker eine Gratwanderung zwischen Fahrvergnügen und Lebensende.
Denn auf dieser Strecke am Edersee verunglücken die meisten Motorradfahrer in der Region – und das vor traumhafter Kulisse. Dort kennt sich der 58-jährige Willinger aus wie kaum ein anderer.
Der Praktiker mit viel Erfahrung gab 2004 entscheidende Tipps, als Waldeck-Frankenberg mit acht Motorrad-Toten 2002 und fünf 2003 noch wesentlich extremerer Unfallschwerpunkt war als heute. Dank Ückert konnten Straßen-Behörden mit einfachsten Mitteln Biker-Leben retten. Seit den von ihm angeregten baulichen Veränderungen an der Strecke gingen Unfallzahlen und Todesopfer stark zurück. Dafür gab es für die Unfallkommission, der Ückert angehörte, den Sicherheitspreis 2005 von den GDV-Schaden- und Unfallversicherern. Die 5.000 Euro Preisgeld flossen gleich in weitere Sicherheitsmaßnahmen.
Ückert erzählte an der L 3086 zwischen Herzhausen und Vöhl, die umgebaute S-Kurve im Blick: „Der Leitplanken-Unterfahrschutz, die für eine bessere Sicht abgetragene Böschung und die durchgezogene Mittel-Linie waren nicht besonders teure, aber umso wirksamere Maßnahmen.“ Hinzu kamen Warnschilder, die Konsequenzen einer riskanten Fahrweise drastisch vor Augen führen.
Während in Südhessen über ein Fahrverbot für Biker auf neuralgischen Strecken wie etwa am Feldberg nachgedacht wird, hat die Polizei die Situation am Edersee ohne Diskussionen über eine Komplett-Sperrung für Biker einigermaßen in den Griff bekommen.
Trotzdem: Auch heute noch registrieren die Beamten in Waldeck-Frankenberg die meisten Unfälle mit Motorrad-Beteiligung in Nordhessen. Als Biker-Ziel wird derEdersee eben immer beliebter. Und die Motorrad-Zulassungen sind dort zwischen 2.000 und 2005 um 1.000 auf 10.313 angestiegen. Derzeit sind es dort etwa 10.600 angemeldete Bikes.
Besonders im Frühjahr schnellen die Unfallzahlen nach oben. Wenig Übung zu Saisonbeginn kann den Tod bedeuten. Ein Fahrtraining bei einem Automobilclub das Leben retten. Ein großes Gefahrenpotenzial berge laut Ückert die Fahrt in Gruppen. „Wer letzter ist, muss aufschließen und überschätzt sich dabei schnell.“
Tragisch der erste Todesfall 2009 aus Waldeck-Frankenberg vom 2. April: Ein 45-Jähriger wollte nur mal schnell seine erste Frühlings-Runde drehen und kam nicht zurück. Seine Frau meldete ihn als vermisst, die Polizei fand ihn nach Stunden tot auf einer Wiese bei Frankenberg. An der Leitplanke, die zum tödlichen Hinderniss wurde, waren nur kleine Beschädigungen erkennbar.
„Ohne Vermisstenanzeige hätte es wahrscheinlich Tage gedauert, bis er gefunden worden wäre.“
Der Herr über die Zahlen im Polizeipräsidium, PHK Peter Hübert, steckt das Unfallgeschehen – inzwischen digital – mit Fähnchen auf der Nordhessen-Karte ab. Grün dort, wo Fahrfehler zum Unfallgeschehen beitrugen. Und Grün sind die meisten Fähnchen im Bereich Edersee. Ähnlich viele Unfälle gibt es nur im Kasseler Stadtgebiet. Aber dort meist bei geringem Tempo mit Blechschäden als Folge.