Aus dem Archiv der ExtraTip Mediengruppe vom 18.06.2009Schraubervirus im Blut
Von GERALD SCHMIDTKUNZ
Gudensberg. Knattert wie ein Traktor, fährt sich wie ‘ne Rüttelplatte. Wer auf Oles alter India Bullet Platz nimmt, muss vor allem eines: vergessen! Vergessen, dass ein Motorrad normalerweise links geschaltet wird; gedanklich ausblenden, dass die Gänge eigentlich in den Ersten nach unten, und in alle anderen nach oben durchgeschaltet werden; bloß nicht erwarten, dass die Maschine schnurrt wie ein Kätzchen und losprescht wie ein Panther. Nein, Olaf Fankhänel alias „Ole“ hat sich in seiner Garage eine Enfield India Bullet 500 zusammengebastelt, die alles Bekannte ins glatte Gegenteil verkehrt. In Oles Bullet schlägt ein Herz von Diesel.
Die pure Lust am Machbaren hat den 41 Jahre alten Lokomotivschlosser dazu getrieben, sich ein Gefährt maßzuschneidern, das alle Normen sprengt. „Kommerzielles Interesse? Gleich null“, sagt Fankhänel, „das machen andere“. Mit einem lässigen Schwung lässt der Biker das Garagentor nach oben gleiten und gibt den Blick in eine andere Welt frei, in ein vielleicht 30 Quadratmeter großes Reich für Bastler und Schrauber. An der Wand stehen eine Werkbank, eine gut und gern 50 Jahre alte Drehmaschine und eine Schweißstation. Darüber hängen Materialschränke. In Regalen stehen Ölkanister und Ersatzteile. Auf einer Hebebühne in der Garagenmitte ruhen die rostigen Überreste einer Dnjepr, rechts davon parkt eine wunderschöne Harley Shovel 1951 und dahinter steht Oles jüngste Liebe, eine Bullet, Baujahr 1993.
Nur Fahren, was man antritt
Nach den selben Konstruktionsplänen, nach denen die Briten ihre legendäre „Kugel“ (eng.: Bullet) schon anno 1933 für ihre indische Kolonialarmee auf die Räder gestellt haben, wird die Royal Enfield Bullet noch heute in Madras gebaut. Auf die Frage, warum er sich ausgerechnet so ein antiquiertes Teil, das auch noch zehn Jahre in einer holländischen Scheune vor sich hingammelte, für 650 Euro erstanden hat, antwortet Ole mit einem Grinsen. „Du sollst nichts fahren, was du nicht selber antreten kannst“, gibt er sein Credo preis und verpasst dem Kickstarter einen beherzten Tritt. Ohne Mucken springt die Bullet sofort an. „Geiler Sound – oder?“, übetönt Ole das Geknatter. Mit einem sanften Dreh am Gasgriff erweckt er die Lebensgeister der Maschine – und in der Nachbarschaft den Eindruck, als käme gleich ein betagter Lanz-Trecker um die Ecke getuckert. Ole klopft gegen den Tank und ruft: „Du glaubst ja nicht wie dumm die Leute aus der Wäsche gucken, wenn ich an der Zapfsäule Diesel hier reinfülle!“
Eigentlich ist Ole ein waschechter Harley Davidson Typ, der regelmäßig am Stammtisch der Wrecking Crew Fritzlar (www.hwc-fritzlar.de) eine ganze Menge Benzin redet. In Zeiten teurer Spritpreise wollte er sich aber unbedingt ein Motorrad bauen, dessen Durst auch mit billigem Salatöl gestillt werden kann. „Da war der Dieselmotor der einzige Ausweg“, erklärt Fankhänel. Und die einzige Maschine, die für einen Umbau in Frage kam, war eben die Bullet, weil bei ihr Motor- und Getriebegehäuse getrennt sind. „Das ist die ideale Basis, um ein originales Getriebe nachträglich mit einem Dieselmotor zu kombinieren.“
Angeln in Masuren
Also bestellte sich Ole per Internet für 500 Euro bei der österreichischen Firma Rotek einen Einzylinder-Diesel aus China. Kaum 14 Tage später traf der 11,65 PS starke Motor (Ole: „Die Nachkommastellen sind wichtig!“) in der Garage ein. Der Schmied Frank Dünzebach aus Dissen verpasste der eigentlich für Rüttelplatten, Notstromaggregate oder Wasserpumpen konstruierten Maschine eine komplett neue Auspuffanlage. Oles Bruder Mike (www.mf-cycles.de) kümmerte sich um die Elektrik. Ungezählte nächtliche Schweiß-Stunden, Rahmen- und Bauteilmodifikationen später war das Diesel-Moped fahrbereit.
„Am Stammtisch wollte es erst keiner glauben. Aber ich habe das Dieseltier zum Leben erweckt“, ist Olaf Fankhänel auf seine Arbeit stolz. „Dieses Jahr fahre ich damit im Urlaub nach Masuren zum Angeln. Verbrauch: 1,7 Liter auf 100 Kilometer.“ Dann lacht er laut auf und gibt Augen zwinkernd eine weitere Maschinen-Kenngröße preis: „Von Null auf Hundert in 4 Stunden und 53 Minuten.“
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